14 Dezember 2009

Fahrt nach Toronto

Schon lange war diese Fahrt geplant. Meine Eltern kamen am Freitag aus der Schweiz, und diesmal wollte ich sie am Flughafen abholen. Sie werden für zwei Monate hier bleiben und wie gewohnt bei meiner Schwester wohnen.

Natürlich war es DIE Gelegenheit, nochmals bei unseren Lieblingsläden vorbeizugehen und das Lebensmittellager aufzustocken. Meine Einkaufsliste war lang und ein Treffen mit Brigitte war auch noch geplant. Sie wohnt etwa 1,5 Stunden südlich und wir bekanntlich 4,5 Stunden nördlich von Toronto.

Schon seit einigen Tagen verfolgte ich die Wettervorhersage, denn die Fahrt nach Toronto und zurück an einem Tag ist schon bei gutem Wetter lang und anstrengend. Bei Schnee ist es wirklich nur bei sehr guten Strassenverhältnissen machbar. Anfangs letzter Woche wütete ja dieser Monster-Schneesturm in Teilen der USA und bewegte sich anschliessend Richtung Canada. Uns hat es am Dienstag und Mittwoch nur am Rande getroffen und wir sind mit ca. 25 cm Schnee beglückt worden. Für Donnerstag und Freitag war die Vorhersage für unsere Region (Near North) und für Toronto ganz passabel. Nur - zwischen hier und dort liegt Muskoka (das ist dort, wo im nächsten Jahr der G8 Summit stattfinden soll). Und für Muskoka waren für Donnerstag und Freitag heftige Schneefälle mit Schneeverwehungen vorhergesagt. Oh Boy, und da musste ich durch.

Ich entschloss mich, die ganze Reise auf zwei Tage zu verteilen und bereits am Donnerstag bis Barrie zu fahren, das liegt ca. 90 km nördlich von Toronto. Dort reservierte ich ein Hotelzimmer. Am Abend wollte ich weiter an meiner Weihnachtspost arbeiten und wieder mal gemütlich in einem Buch lesen. Zuhause klappt das Lesen in letzter Zeit nicht, ich schlafe meistens nach der zweiten Seite ein.

Die Fahrt nach Barrie verlief ganz gut. Es war das erste Mal, dass ich ganz allein in den Süden fuhr. Marcel und Rex blieben nämlich daheim und schauten, dass unsere Holzheizung gefüttert wurde. Zudem hätten wir gar nicht alle Platz in unserem Truck gehabt. Auf den ersten 100 km konnte ich zügig zufahren, aber dann begann es leicht zu schneien und der Wind wurde stärker. Südlich von Huntsville begannen die Schneeverwehungen. In Bracebridge war es dann ganz toll und mehr als 60 km/h konnte man nicht mehr fahren. Die Sicht war sehr eingeschränkt, der wirbelnde Schnee gab einem das Gefühl, in einer Schneewolke zu schweben. Viel Verkehr hat es nicht gehabt und ich habe die Fahrt trotz allem genossen. Nach Orillia hörte das Schneegestöber auf und in Barrie sah die Welt aus wie bei uns im Norden. Nur wehte ein eiszapfenkalter Wind. Die Temperatur lag zwar nur bei -8 Grad, durch den Wind jedoch waren es gefühlte -25 Grad. Hej, daran war ich jetzt nun wirklich noch nicht gewöhnt!

Das Hotelzimmer war ganz toll, sogar mit Schreibtisch, Kühlschrank, Mikrowellenofen und Riesenflachbildschirmfernseher ausgerüstet. Da hatte ich gar keine Lust, auswärts essen zu gehen und besorgte mir take out food, Teebeutel und eine Flasche Wasser. Im Mikrowellenofen konnte ich mir Teewasser heiss machen (ich mag das chlorinierte Wasser hier in Canada überhaupt nicht, deshalb habe ich Wasser gekauft). Und dann schrieb ich meine Weihnachtspost, wurde durch gar nichts abgelenkt (wie das Zuhause immer geschieht) und im Fernsehen lief ein Weihnachtskonzert von Andrea Bocelli. Das passte... Zum Lesen bin ich allerdings wieder nicht gekommen, denn so Karten schreiben dauert und etwas Schlaf brauchte ich auch noch...

Am Freitagmorgen, nach einem complimentary continental Frühstück im Hotel - das übrigens erstaunlich reichhaltig war - machte ich mich auf den Weg in die Millionenstadt Toronto. Es ist schon eine andere Welt dort, sehr hektisch und laut, mit viel rasantem Verkehr, völlig ungewohnt für mich. An der ersten Adresse holte ich Schweizer Käse, viiiiiel Schweizer Käse, und Fleischkäse und St.Galler Olma Bratwürste (die sind wirklich so angeschrieben) und sonstige Schweizer Spezialitäten - ein Schlaraffenland. Endlich haben wir eine Adresse entdeckt, wo diese Sachen frisch und bezahlbar sind! Der nächste Ort war eine Metzgerei, wo ich vor allem Kalbfleisch kaufte. Haxen für Osso Bucco, Kalbsbrustschnitten, dann auch Steaks und etwas Wurstwaren. Diese Firma beliefert verschiedene Grossisten auch im Norden, aber direkt einkaufen ist halt günstiger. Kalbfleisch ist sowieso beinahe nicht erhältlich in unserer Region, was ich gar nicht verstehen kann. Der nächste Halt war Dimpfelmeier, eine "deutsche" Bäckerei. Dort gibt es viele Spezialbrote, Brötchen (z.B. Laugengipfel) und vor allem Kuchen und Patisserie. Und richtig guten Kaffee im Bistro, man muss die Torten und Kuchen irgendwie runterspülen, oder? Dort traf ich mich auch mit Brigitte und ihrer Schwester. Wir hatten einen gemütlichen Lunch zusammen und natürlich einiges zu schwatzen. Die beiden machten sich dann bald auf in die nächste Mall und ich hatte gerade noch Zeit für einen Kurzbesuch in der nahe gelegenen IKEA. Also, man kann auch in sehr kurzer Zeit einiges Geld ausgeben in diesem Laden... Dafür habe ich jetzt Kerzen genug für den ganzen Winter, oder vielleicht sogar für zwei...

Inzwischen war ich etwa sieben Stunden unterwegs und es war höchste Zeit für den Flughafen. Der Freitagnachmittagverkehr hatte begonnen und die Strassen wurden voll und voller, die ersten Trafficjams wurden angesagt. Sieben Spuren, ich ganz links und hätte rechts raus müssen, Mist! Schlussendlich nach etlichen Umwegen landete ich im Parkhaus vom falschen Terminal und durfte nochmals ein paar Runden drehen, bis ich am richtigen Ort war. In der Ankunftshalle angekommen, sah ich, dass das Flugzeug aus Zürich soeben gelandet war. Inzwischen hat mich meine Schwester angerufen (Handy sei Dank), um mich zu warnen, dass die Autobahn durch Muskoka geschlossen sei. Sie haetten dort in den letzten 24 Stunden 80 cm Schnee erhalten, an einigen Orten sogar 100 cm. In Huntsville wurde am Morgen der Notstand ausgerufen. Aber in Canada kann sich die Lage schnell ändern und wir vereinbarten, nochmals miteinander zu telefonieren, wenn wir in Barrie sind. Notfalls müssten wir halt in einem Hotel die Nacht verbringen und besseres Wetter abwarten.

Ich wartete also auf meine Eltern. Es waren massenhaft Leute dort, weil vier Flieger zur gleichen Zeit gelandet sind. Da waren viele Nationen vertreten, aber erstaunlich viele Frauen mit Burka und einige Männer barfuss in Sandalen. Die werden sich schnell Socken anziehen müssen, bei den eisigen Temperaturen draussen. Nach einer Stunde sah ich sie kommen, meine Eltern, beide mit einem Gepäckwagen. Wir machten uns auf den Weg zum Auto und eine halbe Stunde später waren wir auf dem Weg Richtung Norden. Inzwischen war es dunkel geworden und die Lichter der Autos verwandelten die Autobahnen in gelbe und rote Bänder. Immer noch war dichter Feierabendverkehr, aber mit etwas Glück war ich auf der richtigen Spur, als die Abfahrt zum Highway 400 Richtung Barrie kam. Nun nur noch raus aus der Stadt und dann war das Schlimmste überstanden. Vor uns lagen 4-5 Stunden Autofahrt, so hofften wir. Natürlich gab es viel zu erzählen und zu fragen.

Fünf Viertelstunden später waren wir bereits in Barrie und ich tankte meinen RAM bis zum Rand voll, sicher ist sicher. Telefongespräch mit Marcel und mit Ursula, wir waren uns alle einig, dass wir es versuchen wollten mit der Fahrt. Wir hatten Wolldecken, Getränke, etwas zu essen und wie gesagt einen vollen Tank. Der Himmel war wolkenverhangen, aber es schneite nicht. Die Sicht war gut und wir kamen zügig voran. Wenn das so weitergeht, sind wir um 22.30 Uhr daheim. Oro-Station - 5 Ausfahrten bei Orillia - Washago (da sind wir im Sommer mit dem Boot unter der Autobahn durch) - Severn Bridge - drei Ausfahrten Gravenhurst... die Strasse ist schneebedeckt, aber gut befahrbar. Plötzlich sehen wir Warnlichter, richtig, da vorn stehende Autos und Lastwagen in der rechten Spur. Ich fahre brav hintenran und bleibe auch stehen. Wir warten, man sieht gar nicht, was da vorn los ist. Wir wissen nur, dass irgendwo da vorne die Autobahn am Mittag geschlossen war, aber die Strasse muss wieder auf gewesen sein, sonst wäre die Schlange viel länger. Irgendwann fahren Leute links an uns vorbei und dann ist auch diese Spur voll stehender Autos. Manchmal konnte man ein paar Meter fahren. Wir merkten später, dass das immer der Fall war, wenn jemand es schaffte, auf dem Pannenstreifen weiterzufahren und die nächste Ausfahrt zu nehmen. Die sahen wir nämlich, sie hiess "Bethune Drive". Dann, nach etwa zwei Stunden, konnte man plötzlich wieder ein paar hundert Meter fahren. Wir haben natürlich inzwischen wieder telefoniert und Ursula mitgeteilt, dass wir viel später als geplant kommen werden. Sie und Marcel sollen nicht mehr auf uns warten. Es macht ja keinen Sinn, wenn auch die wach bleiben, die eigentlich schlafen könnten. Das haben sich etliche Lastwagenfahrer wohl auch gedacht, denn diese machten sich definitiv auf der rechten Spur für die Nacht bereit. Aber das ist uns erst später aufgefallen. Ich war sehr froh, dass ich Decken und sogar ein Kissen mitgebracht hatte. Meine Eltern waren schon über 20 Stunden unterwegs, und das ist in ihrem Alter schon sehr anstrengend. Den Motor liessen wir immer wieder laufen, denn es wurde sonst einfach zu kalt im Auto. Irgendwann begann es zu schneien, dicke grosse Flocken, und immer noch dieser heftige Wind. Märchenhaft eigentlich, aber nicht ganz das Richtige für den Highway. Wir versuchten, etwas zu schlafen. Irgendwann, nach etwa fünf oder sechs Stunden, musste ich mir die Füsse vertreten. Ich stieg aus und sah von hinten wieder mal ein Gefährt kommen, auf dem schmalen Streifen links, der noch neben der Mittelleitplanke blieb. Allerdings lagen da hohe Schneehaufen, aber der kleine Truck, der kam, hatte einen Schneepflug vorne und wühlte sich entschlossen durch den Schnee. Ich stieg in meinen Truck, um ihn vorbei zu lassen. Er hielt neben mir und erzählte ziemlich frustriert, das sei ihm schon beim Runterfahren nach Toronto heute Mittag passiert. Fünf Stunden sei er gestanden auf dem Hinweg, dabei seien nur zwei Lastwagen nicht weitergekommen und hätten die ganze Strasse blockiert. Nicht mal die Polizei sei gekommen, aber er sei halt wie jetzt auf dem Pannenstreifen vorgefahren. Und weiter fuhr er... Danach scherten noch andere Autofahrer aus der wartenden Kolonne und versuchten es ebenfalls. Andere kehrten um und fuhren in die falsche Richtung zur letzten Ausfahrt. Plötzlich schienen alle Autofahrer entschlossen, irgendetwas zu machen. Nur die Lastwagenfahrer liessen sich nicht anstecken und hatten es vermutlich weiterhin gemütlich in ihren Kojen.

Und dann, um 03.22 Uhr, nach sieben Stunden, begann sich die linke Kolonne zu bewegen. Langsam, sehr langsam fuhr einer nach dem anderen durch den hohen Schnee. Die Strasse konnte ja seit Stunden nicht geräumt werden (wir sahen nur etwa jede Viertelstunde Schneepflüge auf der Gegenfahrbahn). 20 km, 30 km, 40 km/h war das Höchste, das möglich war. Auch der eine oder andere Lastwagen konnte sich anschliessen. Ob es der kleine Truck war, der dies möglich machte? Im Nachhinein merke ich, dass da gar kein weiterer Unfall war. Vermutlich war einfach ein Lastwagen stecken geblieben und hinter ihm alle anderen. Als dann einige versuchten, auf der linken Spur weiterzukommen, blieben sie da auch stecken und nichts ging mehr. Ohnehin wurde seit Stunden in den Medien gesagt, dass in Muskoka nur auf die Strasse soll, wer unbedingt müsse, und der Highway sei eigentlich gesperrt. Es war also jedermans eigenes Risiko.

Wie dem auch sei, wir waren einfach froh, dass es weiterging. Muskoka Falls - Bracebridge - Port Sydney, alles im Schneckentempo. Erst nach Huntsville wurde es etwas besser. Ich war inzwischen hundemüde und musste mich sehr konzentrieren. Novar - Emsdale - Katrine, und endlich ist der Spuk vorbei. Der Himmel ist klar, man sieht den Mond und die Sterne, die Temperaturen sind schlagartig von -8 auf - 22 Grad gesunken. Burk's Falls - Sundridge - South River - Trout Creek - Powassan, endlich geschafft! Um 06.00 Uhr fahren wir bei meiner Schwester vor's Haus, nach vollen zwölfeinhalb Stunden auf der Strasse! Gepäck ausladen und dann endlich hinsetzen. Wir bekamen eine Suppe serviert und heisse Getränke. Dann, kurz nach 07.00 Uhr machte ich mich auf das letzte Stück nach Hause. Um halb neun beobachtete ich den Sonnenaufgang über unserem Busch, noch zwei Kurven und ich war endlich auch angekommen.

Nun mussten zuerst das Auto ausgeladen und all die Lebensmittel versorgt werden. Schlafen konnte ich nicht und habe den ganzen Samstag irgendetwas "genuschet". Allerdings kam nichts Richtiges dabei heraus. Um 18.00 Uhr war ich endgültig durch und ging ins Bett, um erst nach 13 Stunden wieder aufzuwachen.

Und am Sonntag? Da ging es mir wieder blendend. Ich ging mit Rex einen Morgenspaziergang machen. Wir wollten sehen, wie nah die Wölfe, die Marcel die Nacht vorher gehört hatte, dem Camp gekommen sind. Tatsächlich haben wir Spuren bis zu unserer Grundstücksgrenze gefunden. Jetzt darf Rex eine Zeitlang nicht mehr ohne Leine raus. Er ist uns zu neugierig und müsste diese "Sache" bestimmt untersuchen. Dieses Risiko ist uns etwas zu gross.

Und dann am Nachmittag sind doch tatsächlich die ersten Snowmobiler aufgetaucht. Eigentlich waren wir noch geschlossen, aber als einer kam und fragte, ob wir tatsächlich nicht offen seien, und ich ihn dann fragte, woher er sei, und er sagte, er sei aus Barrie und letzte Nacht um 23.00 Uhr für 6 Stunden bei Bracebridge auf dem Highway gestanden, da haben wir halt doch aufgemacht. Bis zum Schluss waren 25 Personen da, wir haben 20 Suppen und 15 Sausage on a Bun und eine Kiste Bier verkauft. Kein schlechter Anfang dafür, dass wir eigentlich noch geschlossen sind...

2 Kommentare:

  1. Mann o mann, was für ein Mega-Tripp!!!
    Zum Glück hast du dich mit den nötigen Winter-Kit-Sachen eingedeckt gehabt, sonst wäre es sicher sehr unangenehm geworden so lange auf der Strasse.
    Beneide dich um den IKEA Besuch und um den Laden mit den Schweizer Spezialitäten!

    In Manitoba warten wir immer noch auf Schee, die Temperaturen liegen tagsüber bei -25°Grad und mit Windchill bei -43°, also saukalt. Hoffentlich gibt es bald Schnee.

    Ich wünsch euch eine ganz wundervolle Zeit, geniesst den Winter, hoffentlich hält der Snowmobiler-Andrang an.

    Herzliche Grüsse aus Gimli/Manitoba
    Patricia

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  2. was fuer ein Abenteuer !!!
    Wie heisst denn der Schweizer Laden bei dem Du Olma Bratwuerste etc. eingekauft hast?

    Liebe Gruesse
    Claudia

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