bin ich über ein altes Buch gestolpert mit dem Titel "Der neue Gartenbau". Das ist eigentlich nichts Aussergewöhnliches, bis man es genauer unter die Lupe nimmt. In alter Schrift erfährt die Leserin, dass ein H.M. Stringfellow aus Calveston, Texas, das Buch geschrieben hat. Die "Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen" wurde von Friedrich Wannieck, Besitzer der Victoria-Baumschule in Schöllschitz (Mähren), vorgenommen. Gedruckt wurde das Buch in Frankfurt a.O. von "Druck und Verlag der Königl. Hofbuchdruckerei Trowitzsch & Sohn" im Jahre 1901.

Und das ist doch sehr beeindruckend. Was hat dieses Buch wohl schon alles erlebt? Es muss 2010 zu mir gekommen sein, als meine Schwester ihren Haushalt aussortierte und viele Dinge weggegeben hat. Meine Schwester wiederum dürfte das Buch von unserem Grossvater (geb. 1897) erhalten haben. Er hat nämlich um die Jahre 1979-1984 einen Teil seiner Besitztümer verteilt, u.a. eben dieses Buch. (Ich selber bin durch ihn damals in den Besitz von alten Canadaprospekten gekommen. Habe ich nicht schon mal erwähnt, dass ich das "Bhalti"-Gen von meinem Grossvater irgendwie geerbt habe?) Wie auch immer, als meine Schwester das Buch entsorgen wollte/musste, habe ich es "gerettet", obwohl ich wirklich nicht weiss, was ich damit anstellen soll. Das Buch ist ja nicht die Hauptsache. Das Beste daran ist das Buchzeichen und das will ich näher vorstellen: Es ist ein von meinem Grossvater hand-abgeschriebenes Gedicht und es zeigt mir wieder einmal, wieviel Humor mein Grossvater doch hatte:
So ein Glückspilz, denkt einmal,
sass er da im Weinlokal.
Ass ein Dutzend Austern auf,
die er nicht genau beguckte
und so eine Perle schluckte.
Nun - verschlägt's Euch nicht den Schnauf?
Als dem Glückspilz das passiert,
hat man ihn gleich operiert
und er starb natürlich dran.
Wurde in den Sarg gebettet...
Doch die Perle war gerettet
und man sah ihm gar nichts an.
So ein Glückspilz - staunet nur!
Wie man den zum Friedhof fuhr,
das war einfach kolossal ---
Was die Perle wert gewesen,
deckte alle diese Spesen,
nebst der Rechnung vom Spital.
16. XI. 74 Zof. Alg. "Ein kleines stilles Leuchten"
Dieses Blatt ist so typisch für meinen Grossvater und ich sehe ihn wieder vor mir, wie er Hof hielt, die ganze Familie organisierte (und manipulierte). Er war ein Patriarch, Erfinder, selbständig, interessiert, interessant, seiner Familie eng verbunden, manchmal tyrannisch und bis ins hohe Alter wach und neugierig. Einmal nahm er eine digitale Uhr auseinander, weil er wissen wollte, wie sie funktionierte. Und als ich im Sekretariat einer Klubschule arbeitete, organisierte ich ihm eine Japanischlehrerin, weil er unbedingt wissen wollte, was die japanischen Schriftzeichen auf dem ihm geschenkten Kalender eines seiner Freunde aus Japan bedeuteten. Damals war er 90 Jahre alt. Er lebte bis ein Jahr vor seinem Tod (1993) allein in seinem alten Haus, umgeben von einem wilden Garten, mitten in Neuhausen. Er bleibt unvergesslich und deshalb werde ich das Buch samt Lesezeichen weiterhin behalten.