Vor fünfzehn Jahren übernahmen wir mit dem Camp auch alle saisonalen Camper. Wir hatten keine Ahnung, auf was wir uns da einliessen. Nach und nach stellte sich jedoch heraus, dass wir ein berühmt-berüchtigtes Partycamp gekauft haben. Viel Trinken war an der Tagesordnung und da spreche ich nicht von Wasser, oder höchstens gebranntem. Vor allem jedoch Bier. In rauhen Mengen. Kistenweise.
Eigentlich sind die Canadier nette Leute, hilfsbereit, interessiert, neugierig und schnell dein "Freund". So tasteten wir uns aneinander heran. Es gab von unseren Vorgängern Regeln, dies zu tun und jenes zu lassen. Die sollten eigentlich für alle gelten. Taten sie aber nicht. Es gab eine Gruppe, denen "gehörte" das Camp, ein richtiger Clan. Was wir auch taten oder nicht taten, es war falsch. Den vom Vorgänger übernommenen Mitarbeiter liessen wir im ersten Monat gehen. Er hatte sich im Workshop bedient, machte hinter unserem Rücken Geschäfte (natürlich auf unsere Kosten) und vor allem machte er sich lustig über uns, wie wir die ganze Sache angingen. Wir wechselten ALLE Schlösser aus. Er fand es dann nicht mehr lustig, als er mit Sack und Pack vor die Tür gestellt wurde. (Allerdings verwendete er in der Folge viel Energie, um uns überall schlechtzureden, aber das ist eine andere Geschichte.)
Diese eine Gruppe hatte das Camp fest in der Hand. Sie planten immer wieder einen Anlass. Jedes Wochenende gab es zudem eine fifty-fifty-draw. Das heisst, man sammelt Geld bei den Campern und 50% des Betrages konnte von jemandem gewonnen werden. Die anderen 50% verwendeten sie für Aktivitäten oder mit diesem Geld zahlten sie auch die Hälfte an den Gazebo-Bau, ein mit Mückengitter versehener Pavillon, in dem bis zu 40 Personen Platz haben.
Eigentlich eine gute Sache. Eigentlich. Wenn da nicht dieser Zwang gewesen wäre. Alle Camper, die bei der fifty-fifty-draw nicht mitmachen wollten, waren Aussenseiter. Und da der Pavillon-Bau zur Hälfte vom Camperclan finanziert worden war, wollten sie uns natürlich sagen, was damit zu geschehen hat. Nur das Blöde war, dass wir ja den ganzen Pavillon gekauft und bezahlt haben und nicht den halben.
Der langen Rede kurzer Sinn, unser Start war etwas stürmig. Unzählige Male wurden wir mitten in der Nacht (meist telefonisch) geweckt, wir sollten doch bitte in den Park kommen, es wäre zu laut... oder ein Streit sei entbrannt... oder jemand wäre stockbesoffen. Uff! Wir brauchten eigentlich unseren Schlaf und es war hart, um Mitternacht oder ein Uhr morgens für eine Bagatelle geweckt zu werden. An Schlaf war nachher oft nicht mehr zu denken. Auf meine Frage, weshalb sie sich nicht selber beim Nachbarn über den Lärm beschweren, wurde ich mit grossen Augen angestarrt: Dazu seien wir doch da und sie wollen schliesslich keinen Aerger mit den Nachbarn. Mir blieb die Spucke weg! Aber ich soll mich unbeliebt machen und sogar nicht mal den Namen des oder der Gestörten nennen dürfen. Aber was weiss man schon am Anfang von einem solchen Abenteuer. Man wollte es möglichst allen recht machen und nett bleiben. Erst später habe ich gemerkt, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, es allen recht zu machen.
Im zweiten Sommer dann begann vor allem Marcel die Regeln strikt durchzusetzen - zur Freude der Aussenseiter und zum Leidwesen des Camperclans. Sie begannen uns zu mobben. Das war für sie ganz einfach. Sie brauchten einfach anonym einer Behörde anrufen und denen zu erzählen, wir machten dies oder jenes entgegen dem Gesetz. Und was mussten die Behörden tun? Auch bei einem anonymen Anruf? Richtig: Sie kamen angedüst und kontrollierten alles von unten bis oben und von vorn nach hinten. Gefunden haben sie nie etwas. Im Gegenteil, wir waren doppelt und dreifach bemüht, uns an die Regeln zu halten. Schliesslich waren wir neu im Land und hatten viel zu lernen. Aber dann wurden sie gegen Ende Sommer doch fündig: Das Wasser im Park hatte nach einer wochenlangen Dauerhitze schlechte Werte. Sofort mussten an alle Wasserhahnen - und das waren viele, bei jedem Platz einen - Schilder aufgehängt werden mit der Warnung: "Kein Trinkwasser". Zwar hat nie jemand von diesem Wasser getrunken. Die Camper wussten, dass es kein Trinkwasser war und immer abgekocht werden musste. Für Trinkwasser gab es eine extra gefasste Quelle, die auch von allen benutzt wurde.
Dazu muss man wissen, dass im Jahr zuvor irgendwo weit weg von uns in Südontario das Trinkwasser einer Gemeinde mit Kolibakterien verseucht worden ist und es damals sogar Todesfälle gegeben hat. Deshalb reagierten die Behörden panikartig auf alle schlechten Wasserwerte. In diesen Zeitpunkt fiel leider unser Wasserproblem. Wir mussten also etwas tun, erhielten riesige Auflagen. Uns war klar, dass wir schnellstmöglichst eine Quelle bohren lassen wollten (was wir im Frühling 2002 auch gemacht haben). Auf Wasser aus dem See oder dem Fluss, wie hier allgemein üblich, wollten wir verzichten. Aber vorher mussten wir diese schwierige Saison zu Ende bringen.
Als die Behörden wieder einmal einen Anruf erhielten und bei uns vorbeikamen, konnte ich nicht mehr - und ich erzählte dem Inspektor von unseren Problemen. Der schaltete prompt und ihm wurde plötzlich klar, was für ein Spiel da mit uns getrieben wurde und weshalb er immer wieder zu uns kommen musste. Als im gleichen Moment noch ein Sachbearbeiter von einem anderen Ministerium anrief, übernahm er kurzerhand den Telefonhörer und erklärte dem anderen Ende unser Dilemma. Von da an war Ruhe. Sobald ein Anruf von einem unserer Camper in einem der Ministerien ankam, wurde darüber informiert, dass unwahre Geschichten ein kostenpflichtiges Verfahren nach sich ziehen könnte. Logisch, dass da die Anrufe schnell aufhörten.
Nach weiteren Unmöglichkeiten seitens des Camperclans zogen wir unsere Konsequenzen und kündigten Ende Sommer alle Saisonverträge. Die Camper mussten sich neu bewerben und wir siebten rigoros. Im Jahr darauf - es war im 2002, als der Tourismus wegen 9/11 ziemlich eingebrochen war - starteten wir mit einem Viertel weniger Saisoncampern, dafür war die Stimmung besser. Ende Sommer 2003 - es war das Jahr mit der Sars-Epidemie - verliess uns noch ein weiterer Teil der Partygruppe. Es war eine schwierige Zeit, aber seither geht es langsam und stetig aufwärts. Heute haben wir eine tolle Campergemeinde. Ein paar Familien, einige Pensionierte und viele berufstätige Paare mit zum Teil erwachsenen Kindern und oft schon mit Grosskindern. Eine bunte Mischung, wo alle leben und leben lassen. Von den ursprünglichen Campern sind immer noch neun hier, die anderen sind weggezogen, haben (altershalber) mit Campen aufgehört oder ein paar sind leider gestorben. Das ist der normale Kreislauf. Es fällt schwer, manche Camper ziehen zu lassen, aber es kommen immer wieder nette Leute nach.
der Gazebo anlässlich eines Festes im August 2013
Der langen Rede kurzer Sinn, unser Start war etwas stürmig. Unzählige Male wurden wir mitten in der Nacht (meist telefonisch) geweckt, wir sollten doch bitte in den Park kommen, es wäre zu laut... oder ein Streit sei entbrannt... oder jemand wäre stockbesoffen. Uff! Wir brauchten eigentlich unseren Schlaf und es war hart, um Mitternacht oder ein Uhr morgens für eine Bagatelle geweckt zu werden. An Schlaf war nachher oft nicht mehr zu denken. Auf meine Frage, weshalb sie sich nicht selber beim Nachbarn über den Lärm beschweren, wurde ich mit grossen Augen angestarrt: Dazu seien wir doch da und sie wollen schliesslich keinen Aerger mit den Nachbarn. Mir blieb die Spucke weg! Aber ich soll mich unbeliebt machen und sogar nicht mal den Namen des oder der Gestörten nennen dürfen. Aber was weiss man schon am Anfang von einem solchen Abenteuer. Man wollte es möglichst allen recht machen und nett bleiben. Erst später habe ich gemerkt, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, es allen recht zu machen.
Im zweiten Sommer dann begann vor allem Marcel die Regeln strikt durchzusetzen - zur Freude der Aussenseiter und zum Leidwesen des Camperclans. Sie begannen uns zu mobben. Das war für sie ganz einfach. Sie brauchten einfach anonym einer Behörde anrufen und denen zu erzählen, wir machten dies oder jenes entgegen dem Gesetz. Und was mussten die Behörden tun? Auch bei einem anonymen Anruf? Richtig: Sie kamen angedüst und kontrollierten alles von unten bis oben und von vorn nach hinten. Gefunden haben sie nie etwas. Im Gegenteil, wir waren doppelt und dreifach bemüht, uns an die Regeln zu halten. Schliesslich waren wir neu im Land und hatten viel zu lernen. Aber dann wurden sie gegen Ende Sommer doch fündig: Das Wasser im Park hatte nach einer wochenlangen Dauerhitze schlechte Werte. Sofort mussten an alle Wasserhahnen - und das waren viele, bei jedem Platz einen - Schilder aufgehängt werden mit der Warnung: "Kein Trinkwasser". Zwar hat nie jemand von diesem Wasser getrunken. Die Camper wussten, dass es kein Trinkwasser war und immer abgekocht werden musste. Für Trinkwasser gab es eine extra gefasste Quelle, die auch von allen benutzt wurde.
Dazu muss man wissen, dass im Jahr zuvor irgendwo weit weg von uns in Südontario das Trinkwasser einer Gemeinde mit Kolibakterien verseucht worden ist und es damals sogar Todesfälle gegeben hat. Deshalb reagierten die Behörden panikartig auf alle schlechten Wasserwerte. In diesen Zeitpunkt fiel leider unser Wasserproblem. Wir mussten also etwas tun, erhielten riesige Auflagen. Uns war klar, dass wir schnellstmöglichst eine Quelle bohren lassen wollten (was wir im Frühling 2002 auch gemacht haben). Auf Wasser aus dem See oder dem Fluss, wie hier allgemein üblich, wollten wir verzichten. Aber vorher mussten wir diese schwierige Saison zu Ende bringen.
Bohren der neuen 150 m tiefen Quelle im April 2002
Als die Behörden wieder einmal einen Anruf erhielten und bei uns vorbeikamen, konnte ich nicht mehr - und ich erzählte dem Inspektor von unseren Problemen. Der schaltete prompt und ihm wurde plötzlich klar, was für ein Spiel da mit uns getrieben wurde und weshalb er immer wieder zu uns kommen musste. Als im gleichen Moment noch ein Sachbearbeiter von einem anderen Ministerium anrief, übernahm er kurzerhand den Telefonhörer und erklärte dem anderen Ende unser Dilemma. Von da an war Ruhe. Sobald ein Anruf von einem unserer Camper in einem der Ministerien ankam, wurde darüber informiert, dass unwahre Geschichten ein kostenpflichtiges Verfahren nach sich ziehen könnte. Logisch, dass da die Anrufe schnell aufhörten.
Nach weiteren Unmöglichkeiten seitens des Camperclans zogen wir unsere Konsequenzen und kündigten Ende Sommer alle Saisonverträge. Die Camper mussten sich neu bewerben und wir siebten rigoros. Im Jahr darauf - es war im 2002, als der Tourismus wegen 9/11 ziemlich eingebrochen war - starteten wir mit einem Viertel weniger Saisoncampern, dafür war die Stimmung besser. Ende Sommer 2003 - es war das Jahr mit der Sars-Epidemie - verliess uns noch ein weiterer Teil der Partygruppe. Es war eine schwierige Zeit, aber seither geht es langsam und stetig aufwärts. Heute haben wir eine tolle Campergemeinde. Ein paar Familien, einige Pensionierte und viele berufstätige Paare mit zum Teil erwachsenen Kindern und oft schon mit Grosskindern. Eine bunte Mischung, wo alle leben und leben lassen. Von den ursprünglichen Campern sind immer noch neun hier, die anderen sind weggezogen, haben (altershalber) mit Campen aufgehört oder ein paar sind leider gestorben. Das ist der normale Kreislauf. Es fällt schwer, manche Camper ziehen zu lassen, aber es kommen immer wieder nette Leute nach.


ja eure Anfangszeit war wirklich nicht einfach - doch ihr liesst euch nicht kleinkriegen, bravo. Jürg
AntwortenLöschenIch habe grad ziemlich gebannt und ungläubig mitgelesen. Was den Leuten alles einfällt, um es anderen schwer zu machen!
AntwortenLöschenAls Leser kann man wohl nur ansatzweise erahnen, wie schwierig euer Start mit dem Clan gewesen sein muss.
Ja, es war so ziemlich die Hölle. Und es gäbe sogar noch eine Fortsetzung, die man kaum glauben kann. Die jedoch werde ich nicht beschreiben, das will man einfach nur vergessen...
LöschenLG Anita