Da liegst du nun in deinem Spitalbett und hast offensichtlich Schmerzen. Das Pflegepersonal kümmert sich sehr lieb um dich, aber niemand kann dir wirklich helfen. Du hast dich sehr über meinen Besuch gefreut, das habe ich gemerkt und ich habe deine Hände gehalten. Plaudern, wie wir das sonst tun, konnten wir heute nicht. Aber ich erzählte dir von den Loons, die vor ein paar Tagen angekommen sind, vom Reh, das vor meinem Fenster an der Zeder geknabbert hat, von den Gänsen, die schon wieder Mist machen und von den Hummingsbirds (Kolibri), die wohl in den nächsten Tagen eintreffen werden. Dein Gesicht hat gestrahlt und ich wusste, in Gedanken bist du gerade an deinem geliebten See...
Mary in ihrer Gartenkluft draussen bei ihren geliebten Blumen
Nie werde ich vergessen, als du ein paar Tage nach unserem Einzug vom Campingplatz herkommend der Lodge zustrebtest mit einer Schachtel in der Hand. Du überreichtest uns deinen Willkommensgruss - frisch gebackene Muffins - verpackt in einer Schachtel aus einem Dessous-Laden aus der Stadt und hast uns als neue Nachbarn willkommen geheissen. Irgendwie machte ich mir bis dahin noch gar keine Gedanken über die Nachbarn und wusste auch gar nicht, dass wir welche haben. Das hat sich aber schnell geändert. Du bist mir ein Anker in meinem Leben hier draussen geworden. Viele Abende, vor allem im Herbst und Frühling, bis tief in die Nacht habe ich bei dir in deinem selbstgebauten Cottage verbracht, um dann mitten in der Nacht durch den pitschdunklen und menschenleeren Campingplatz nach Hause zu radeln. Das Herz rutschte mir manchmal fast in die Hosen, wenn mir auf dem Weg ein Tier begegnet ist oder ich ein ungewohntes Geräusch gehört habe. Oft habe ich auch den Truck genommen, um zu dir zu kommen, obwohl der Weg etwa zehn Mal so weit war...
Vieles aus deinem Leben hast du mir erzählt: Geboren 1919 in Alberta als älteste Tochter einer ukrainischen Farmers-Familie, wie du mit 15 Jahren geheiratet hast (oder wohl eher verheiratet wurdest) und mit 25 bereits Witwe warst. Deine drei Kinder wurden zu deinem Lebensinhalt. Als deine zahlreichen Verwandten in Alberta dir viel zu viele Ratschläge gaben, bist du kurzerhand mit den drei Kindern nach Ontario umgezogen. Deine Cousine, die dich hier eigentlich erwarten sollte, war jedoch schon nicht mehr da, denn ihr Mann, ein Berufssoldat, wurde unerwartet versetzt. Allein mit drei Kindern und ohne Beruf hast du dein Leben in die Hand genommen, eine Ausbildung zur Dentalhygienikerin gemacht (und geholfen, diesen Beruf in Ontario aufzubauen). Du hast bewiesen, dass du dein Leben sehr gut alleine meistern kannst. 1962 hast du zusammen mit deinem Sohn ein Stück Land westlich des Camps gekauft. Ihr habt das Land vom Busch befreit und ein kleines Cottage darauf gebaut, um die Wochenende darin zu verbringen. Immer wieder hast du einen Raum angebaut, ein Schlafzimmerchen, ein Badezimmer, ein Nähzimmer (etwa so gross wie ein Schrank), den Talonroom (eine Art Wintergarten). Du hast mit eigener Hand ein Cheminée eingebaut, mit Steinen aus der Umgebung. 1984, nach deiner Pensionierung, bist du ganz hier raus gezogen. Du hast den See so geliebt, liebst ihn immer noch. Später haben deine Tochter und deine beiden Söhne Cottages hier gebaut. Du warst glücklich am See, inmitten deiner Blumen und Tiere. Du hattest immer den schönsten Garten mit den meisten Blumen und Vögel ohne Ende (denn du hast sie immer gefüttert). Einmal im Jahr im September hattet ihr ein Familientreffen hier am See und oft kamen sogar die Verwandten aus Alberta angereist.
Vor drei Jahren jedoch musstest du dein so heiss geliebtes Cottage verlassen. Deine Gesundheit machte einfach nicht mehr mit. Du warst 92 1/2, als du ins Pflegeheim in die Stadt umgezogen bist. Deine Kinder bestanden darauf. Ich war erschrocken, als ich dich zum ersten Mal dort besuchte. Das lieblos eingerichtete Zimmer, nüchtern und kalt. Aber das blieb nicht lange so. Nach und nach fanden sich Gegenstände und Fotos aus deinem Zuhause bei dir ein und bald sah es gemütlich aus und ein wenig wie am See. Als im August 2013 dein Sohn A. tödlich verunglückte (er starb am gleichen Wochende wie mein Vater) brach es dir beinahe das Herz. Ich besuchte dich so oft wie möglich und wir machten sogar ein paar kleine Ausflüge zusammen. Die Nachmittage bei dir endeten oft in Geschichten-von-früher-erzählen, genau so, wie wir es immer in deinem Cottage gemacht haben.
Und nun bist du im Pflegeheim gefallen und hast dir die Hüfte gebrochen. Du hast die Operation unerwartet gut überstanden. Aber nun lässt die Kraft nach. Es wird wohl nicht mehr lange dauern und du bist mit deinem geliebten Sohn A. wieder vereint. Als ich dich heute verlassen habe, hast du mich mit den Worten verabschiedet, die du mir immer sagtest: "Love you, come when you can!" Ich werde wieder kommen und dich hoffentlich antreffen. Und sonst, lass es dir gut gehen, liebe Mary, und danke für alles...

Hallo Anita
AntwortenLöschenEine zu Herzen gehende Geschichte, wunderbar erzählt. Gruss Jürg
Vielen Dank, Jürg
LöschenEs war ein schwieriger Besuch gestern. Ich hoffe einfach, dass sie bald loslassen kann.
Anita
Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben ... schnief, so schön geschrieben, liebe Anita. Wir besuchen unsere 97jährige Nachbarin und Ersatz-Oma auch nun im Krankenhaus, sie muss dort auch bleiben, bis ein Platz im Pflegeheim für sie frei wird. Das ist so schrecklich, sie will nach Hause, aber das geht in ihrem Zustand nicht mehr. Wir hoffen auch einfach, dass sei bald loslassen kann. Schon traurig. LG Bianka
AntwortenLöschenMary hält immer noch durch und hatte zum Muttertag viel Familie hier. Aber sie wird jeden Tag schwächer...
LöschenAnita